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  • AutorenbildClaudia

Ich darf vertrauen

Wie alles begann und ich zu meiner inneren Haltung als Mama fand.

Kind geht eine Treppe hinunter

Ein Freund, der gerade Vater geworden war, erzählte mir begeistert von einer Spielgruppe, in der die Eltern am Rand sitzen und gespannt zuschauen, wie ihre Kinder durch Tunnel krabbeln und über Balken klettern. „WHAT?!“, dachte ich mir. „Also ich will mal, dass mein Kind ganz normal aufwächst.“


"Ob erziehen oder nicht, mit dieser Frage habe ich mich zunächst gar nicht beschäftigt."

Aber wie erzieht man ganz normal und was soll das überhaupt sein, erziehen? Ich ziehe also so lange an der Nase, am Ohr, am Bein meines Kindes bis es so ist, wie ich denke, dass es sein soll, damit es gut fürs Leben vorbereitet ist. Doch welche Anforderungen stellt diese Welt eigentlich an junge Menschen?


Ob erziehen oder nicht, mit dieser Frage habe ich mich zunächst gar nicht beschäftigt, weil ich gar nicht wusste, dass es eine Alternative gibt. Dann kam mein Sohn Lui zur Welt und ich erinnerte mich an diese ungewöhnliche Spielgruppe und meldete uns spontan an. Und ja, es war genauso: Mit großer Anspannung und tiefer Freude beobachtete und erlebte ich die Bewegungen meines Kindes auf seinen Entdeckungsreisen durch den vorbereiteten Raum. Aber das war lange nicht alles.


Mein Aha-Erlebnis


Erst Monate später nahm ich mir im Urlaub das Buch vor, das die Leiterin des Eltern Kind Freiraum uns mehrfach ans Herz gelegt hatte. Es erläutert die dem Spielraum zugrunde liegende Haltung, die Theorie zur Praxis. Ich verschlang das Buch in nur zwei Tagen und verstand nun, worum es eigentlich ging: das Vertrauen in die Fähigkeit des Kindes seinen Bewegungsspielraum selbst und in seinem eigenen Tempo weiterzuentwickeln und wie wichtig Beziehungspflege als Grundlage dafür ist.


Lui war mittlerweile ein Jahr alt und lernte gerade laufen. Er konnte sich schon selbst hochziehen und ein paar Schritte machen. Wir waren in diesem Sommer auf einer kroatischen Insel in einem Haus direkt an der Küste an einem felsigen Hang gelegen. Von der Haustüre führte eine steile Steintreppe in den unwegsamen und abschüssigen Garten. Perfekt! Wir verbrachten also die Zeit damit, abwechselnd und zunehmend genervt unseren Sohn an den Händen haltend die Treppe hinunter und wieder hinauf zu gehen, immer wieder… er wollte ja laufen lernen. Dass er aber unter dem festen Griff der elterlichen Hand recht unsicher dahin tapste und zu Bewegungen gezwungen wurde, die er eigentlich gar nicht machen wollte, bemerkten wir nicht.


Beziehung und Vertrauen


Mit der Lektüre des Buches kam die Alternative: Lui gegenüber musste ich es nicht einmal aussprechen oder es ihm zeigen. Ich hatte meine innere Haltung geändert und er verstand es sofort. Von nun an hantelte er sich in seinem Tempo selbstständig die Stufen hinunter. Manchmal hielt er sich am Geländer fest, manchmal krabbelte er auf allen Vieren Kopf voraus die Stufen hinunter. Er machte Pausen in denen er Oberflächen untersuchte und kleine Tierchen fasziniert beobachtete oder nach uns Ausschau hielt. Sein Papa und ich waren dabei, sehr aufmerksam und direkt neben ihm. Was für ein Erlebnis, was für eine andere Qualität, zu sehen, was er alles kann, wie vorsichtig und umsichtig er sich vortastete, wie sehr er sich über seine Erfolge freute und wie rasch er sicherer wurde, neue Fortbewegungsmöglichkeiten entdeckte und mit welcher Ausdauer er trainierte!


Seither begleitet mich die freie Bewegungsentwicklung, sei es beim Klettern, Fahrradfahren oder Schwimmen. Die innere Haltung aber hat Einzug in ALLE Bereiche unseres Familienlebens genommen: Von der Windel zum Klo, vom Familienbett ins eigene Zimmer, vom Fingerfood zum Verwenden von Besteck u.v.m. Es ist unglaublich, was dieser kleine Mensch schon gelernt hat, ohne dass ihm jemand gezeigt hat, wie es geht oder gesagt hat, wie er es denn - bitte schön - machen soll. Es kommt, wenn er dazu bereit ist – körperlich und geistig. Was für eine Freude, diese Erfolge mit ihm zu erleben und zu sehen, wie stolz er ist. Und welche Leichtigkeit dem vorangegangenen Druck und der Unsicherheit Platz machte: Ich muss nicht alles wissen, beachten und entscheiden, ich darf vertrauen.


"Das etwa einjährige Kleinkind wurde mit einem Tablet ruhig gestellt, damit die Eltern ihr Abendessen genießen konnten und trotzdem nicht miteinander redeten."

Neue Herausforderungen und Zweifel


Mit neuen Herausforderungen kamen auch die Zweifel. Obwohl ich mich die letzten zwanzig Jahre mit der Mediennutzung und Medienwirkung beschäftigt habe, also was wir mit Medien machen und was die Medien mit uns machen, war ich verunsichert, wenn mein Kind nach dem Handy griff und am Computer ein Video ansehen wollte. Ich suchte Halt und fand Regeln, ich war im Erziehungsmodus: Man muss die Medien von den Kindern fern halten, so lange wie möglich. Das ist schlecht fürs Gehirn und für die Entwicklung und für die Augen sowieso, hörte und las ich immer wieder. Zu Altersempfehlungen, ab welchem Jahr man Kinder wie lange sogenannte Bildschirmmedien überlassen dürfe, kamen abschreckende Erlebnisse, wie das mit einer jungen Familie, die im Restaurant am Nebentisch saß. Das etwa einjährige Kleinkind wurde mit einem Tablet ruhig gestellt, damit die Eltern ihr Abendessen genießen konnten und trotzdem nicht miteinander redeten. Ihr schlechtes Gewissen schien sie zu plagen. Und mich ließ die völlige Abwesenheit von sonst so hellen begeisterten Kinderaugen nicht mehr los. Das wollte ich nicht.


Mein Weg: entspannt und flexibel


Gleichzeitig fühlte es sich nicht richtig an, nicht ganz überzeugt, wenn ich Lui das Handy wegnahm, mit dem er mit derselben Begeisterung „spielte“ wie mit Bausteinen. In dieser Unsicherheit war ich ihm gegenüber unklar und suchte nach Auswegen. Und hier beginnt mein Weg, auf dem ich - möglichst entspannt - jeden Tag neue Antworten darauf suche, was für mich, mein Kind, unsere Familie und in der jeweiligen Situation gerade am besten passt. Und was das in Bezug auf unseren Umgang mit Medien bedeutet, möchte ich in diesem Blog erzählen.

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